Warum Kampagnen gegen die Pelzindustrie?
Tierrechts- und Tierbefreiungsaktionen gibt es bereits seit den 70er Jahren. Es war richtig und wichtig in den Anfängen der jungen sozialen Bewegung die erschlagende Reichweite der Tierausbeutung, ihre verschiedenen Formen und ihre Bedeutung aufzuzeigen und an einem Tag gegen eine Metzgerei, an einem anderen gegen einen Zirkus, an wieder einem anderen gegen einen Pelzladen zu protestieren...
Findet heute teilweise eine Spezialisierung auf einzelne Segmente der Tierausbeutungsindustrie statt, dann um effektiver arbeiten zu können, um den Tierausbeuterinnen und Tierausbeutern Kosten zu verursachen, die sie nicht mehr ignorieren können; Kosten, die dem ökonomischen Zweck der Instrumentalisierung von Tieren entgegenstehen und den Profit schmälern sei es durch Imageverlust des Tierausbeutungsbetriebs, sei es durch finanzielle Einbußen. Wenn sich die globale Tierrechtsbewegung/Tierbefreiungsbewegung seit einigen Jahren vermehrt auf den Pelzhandel konzentriert und zunehmend gemeinsam Kampagnen startet, dann somit aus taktischen Überlegungen und aus der Not heraus.
Die Tierrechtsbewegung/Tierbefreiungsbewegung sieht sich einer besonderen Dringlichkeit gegenüber: Die Verletzung und Vernichtung tierlicher Individuen stellt ein empfindliches Übel, ein schweres Unrecht dar, keines, was tolerierbar, auszuhalten, den betroffenen tierlichen Individuen zuzumuten ist. Die Gewalt gegen tierliche Individuen und ihre Auslöschung bewirkt ganz konkret und direkt Opfer und ist nicht rückgängig zu machen. Und die Tierausbeutungsmaschinerie produziert diese Opfer allsekündlich. Jedes Einzelne wird hier und jetzt und morgen und dort seiner Freiheit beraubt und an seiner Psyche oder an seinem Körper verletzt oder beides und schließlich umgebracht. Hier geht es folglich nicht um Marginalien des Lebens, nicht um eine Debatte, die man entspannt ausplaudern oder auf den nächsten Tag verschieben könnte. Die Befreiung der Tiere aus der Knechtschaft der Gesellschaften von Menschen erlaubt keinen Aufschub, erlaubt keinen feigen Kompromiss. Diese Ausbeutungsmaschine zu sabotieren und zu beseitigen auf indirekte oder direkte Weise ist eine der großen Aufgaben, die sich unsere Gesellschaft auf ihrem Weg zur Emanzipation zu stellen hat. Tierbefreiung ist ein sozialer Prozess und ein Emanzipationserfordernis, das sofort umgesetzt werden müsste, und doch, aufgrund der tiefenkulturellen Verankerung der Tiervernutzung in unserer Gesellschaft, so weit entfernt ist, wie kaum ein anderes progressives Ziel.
Es gibt selbstredend in der speziesistischen Gesellschaft keine rechtlichen Regeln, die man zum Schutz der Tiere vor Ausbeutung einklagen könnte, keine behördliche Unterstützung, die Tiere aus der Notlage in der sie sich z.B. auf einer Pelzfarm befinden retten könnte. Das speziesistische System, vor allem die profitträchtige Tierausbeutungsindustrie, schafft sich nicht von selbst ab. Die Tierrechtsbewegung/Tierbefreiungsbewegung stellt aus diesem Grund anders als der Tierschutz , eine Widerstandsbewegung dar. Als solche hat sie nicht nur das Problem, mit massiver Repression bedroht zu werden, sondern auch, Ressourcen zu mobilisieren. Wie soll man, ohnmächtig gegenüber der Dimension des Speziesismus, die Tierausbeutung stoppen? Welchen tierlichen Opfern soll man zuerst zur Hilfe eilen?
Die Tierrechtsbewegung/Tierbefreiungsbewegung musste und muss aus diesen Gründen strategisch denken. Die Konzentration auf die Pelzindustrie ist eine solche strategische Entscheidung. Die Chancen, den Pelzhandel zu stoppen und damit tierliche Individuen vor der absichtsvollen physischen Schädigung durch die Pelzindustrie zu bewahren, sind größer, als bei einer der anderen Tierausbeutungsbranchen unserer Zeit.
